Gastargument von Julia Reichel
Nach der Einbringung des Gesetzentwurfes schrieb uns Frau Reichel zum Thema „Generalverdacht“ für den sogenannten „Listenhund“ sowie seines Halters:
Sehr geehrte Frau Dr. Pauly-Bender,
vielen Dank für Ihre Antwort. Es ist wirklich ein gutes Gefühl, als Hundehalter mit seinen Anliegen und Interessen Gehör zu finden.
Ich hoffe sehr, daß das neue Hundegesetz verabschiedet wird und werde die Anhörung des Gesetzentwurfs mit großer Aufmerksamkeit verfolgen.
Das neue Gesetz wäre eine große Erleichterung für verantwortungsvolle Halter der Hunderassen, die momentan aufgrund bloßer Vermutung als potenziell „gefährliche“ Hunde eingestuft sind, da neben der sozialen Ächtung vielleicht auch die horrenden Kosten (in Frankfurt 900 € Hundesteuer) verringert würden, da diese Hunde ja folgerichtig anderen Hunden gleichgestellt werden würden.
Ich habe das was Sie als „Generalverdacht“ bezeichnen als Halter eines sogenannten Listenhundes erlebt. Ich habe meinen Hund „Pebbels“ vor acht Jahren von einer Frau übernommen, die mit der Hundehaltung überfordert war. Der Hund war in vielen Bereichen unsicher, hat aber dank Hundekurs und konsequenter Erziehung viel gelernt. Inzwischen liebt er Auto fahren, bleibt problemlos alleine und ist im Umgang mit Artgenossen souverän geworden. Pebbels ist Staffordshiremischling; ich habe mich viel mit dieser Rasse beschäftigt und kann nur sagen, daß deren Grundeigenschaften hervorragend für ein Familienleben geeignet sind.
Mit Anfeindungen in der Öffentlichkeit musste ich mich – vor allem als ich noch in Frankfurt wohnhaft war – häufig auseinandersetzen, auch wenn mein Hund stets angeleint war und niemanden einen Schaden zugefügt hat. Es war sehr gewöhnungsbedürftig für mich, plötzlich von wildfremden Menschen beschimpft zu werden; Äußerungen wie „den Hund sollte man töten“ waren nahezu an der Tagesordnung. Die meisten Passanten haben mich in einem Bogen umkreist, die Reaktionen waren derart übertrieben, als hätte ich einen Tiger an der Leine. Ich bin von Beruf Polizeibeamtin und es ist mein primäres Ziel, Menschen vor Schaden zu bewahren. Daher fühlte ich mich mehr als einmal zu Unrecht unter „Generalverdacht“.
Trotz all der Widrigkeiten (von den Kosten für Wesenstest, Sachkundeprüfung, Hundekurs ganz zu schweigen) kam mir nie in den Sinn, meinen Hund wegzugeben. Ein Hund ist eine Verpflichtung und kann nicht wie ein Spielzeug entsorgt werden, nur weil das Umfeld aus Unkenntnis oder Fehlinformation durch die Medien ablehnend reagiert. Die politischen Entscheidungsträger haben mit Einführung der Rasseliste viele ordentliche Hundehalter unverhältnismäßig reglementiert, finanziell übermäßig beansprucht und in ihrem Ansehen geschädigt.
Glücklicherweise hat mein Umfeld „Pebbels“ nach anfänglichen Vorbehalten sehr gut aufgenommen und als das kennengelernt, was sie ist: ein fröhlicher ausgeglichener Hund, der sehr kinderlieb und überaus menschbezogen ist. (Mittlerweile ist seine Lieblingsbeschäftigung Schlafen, Pebbels wird dieses Jahr 13.)
Auch hier würde das von Ihnen angestrebte Hundegesetz greifen. Jeder Hundehalter, gleich welcher Rasse, müsste sich die erforderlichen Grundlagen über Verhalten und Haltung eines Hundes aneignen. Bei vielen Hundehaltern ist dies schlichtweg nicht vorhanden, da sie sich Hunde, oft aus optischen Gesichtspunkten, aussuchen, die vom Wesen her für sie unpassend sind.
Ich habe kürzlich Ihr Interview auf ZDF-Info gesehen. Sehr positiv war, daß in dem Bericht das Tierheim Offenbach zur Thematik „Rasseliste/Hundegesetz“ gezeigt und die Verantwortlichen dort befragt wurden.
Auch hier wurde deutlich, dass die Rasseliste tierschutzwidrig und ungeeignet ist, Gefahren von der Allgemeinheit abzuwenden. Vielmehr wird eine trügerische Sicherheit suggeriert, die jedoch de facto nicht existent ist.
Die Leidtragenden sind in erster Linie die Hunde, die unverschuldet oft jahrelang ihr Leben im Tierheim verbringen müssen und kaum vermittelbar sind, weil, wie Sie vollkommen richtig ausführen, dies die Stigmatisierung ihrer halter zur Folge hätte.
Ich führe im Tierheim Frankfurt ehrenamtlich Hunde aus und habe es mehrfach erlebt, wie Interessenten einen Hund nicht zu sich nehmen wollten, weil es sich um einen „Listenhund“ handelte. Nicht selten wurde als Grund der befürchtete „Ärger“ mit der Nachbarschaft genannt.
Auch in Berlin wird derzeit diskutiert, die rasseliste abzuschaffen (so äußerte sich zumindest der tierschutzpolitische Sprecher der CDU, Alexander Herrmann gegenüber der dpa).
Ich hoffe sehr, daß das Hundegesetz realisiert wird und dort angesetzt wird, wo es erforderlich ist: beim Hundehalter.
Mit freundlichen Grüßen
Julia Reichel